Gottesdienst Predigt vom 16.04.2017

Predigt zu Joh 20, 11 – 18 – Pastor Henning Hinrichs


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Liebe Gemeinde,
ich wäre am liebsten jetzt jemand, der Ihnen die Osterbotschaft höchstpersönlich überbringt, und zwar so: Ich bin ihm begegnet! So wie Maria Magdalena den Jüngern, die verstört und verzagt zusammensitzen und den Tod Jesu beweinen. Ich bin ihm begegnet! Aber gibt’s das überhaupt noch?
Wie ist das möglich, dass es auch bei uns hier in der Reppenstedter Kirche wirklich Ostern wird, dass wir dem Auferstandenen wirklich begegnen? Und deshalb jubeln, weil sich etwas in uns legt, dass allem Schweren seine Leichtigkeit und Freude entgegensetzt: Der Herr ist auferstanden. …..Ich habe ihn gesehen! Denn um nichts weniger geht’s an Ostern. Ostern wird es auch bei uns, wenn wir dem Auferstandenen begegnen.
Hier nun diese Begegnung Marias mit Jesus:
Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten. Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.
Ich sag’s einfach, doch, ich sage es einfach: Ich bin wirklich Jesus begegnet. Meinem Herrn und Bruder. Ich hab ihn gefunden. Nichts anderes möchte ich ihnen heute morgen weitergeben als das.
Nun schauen Sie nicht so wie die Jünger am Morgen des dritten Tages. Die haben wahrscheinlich auch erst mal gedacht: „Jetzt ist die Maria übergeschnappt. Das alles ist zuviel für sie.“
Und ich erzähle ihnen auch nicht die Geschichte, wie ich Christ geworden bin, so wie das in manchen Freikirchen üblich ist. Sondern wie mir Jesus in dieser Geschichte aus dem Johannesevangelium begegnet ist.
Solch eine Begegnung ist ja nicht selbstverständlich. Manchmal ist es nämlich so, als hätte man mir Jesus weggenommen, wie bei Maria. Ich möchte auf meinen Glauben zurückgreifen, wie aus einem immer verfügbaren Vorrat. Ich möchte etwas von der Botschaft weitersagen, und es ist, als käme ich an das Erlebnis meiner Erfahrung nicht so recht heran. Als wäre die Verbindung kalt geworden. Als wäre alles hauptsächlich Erinnerung, Weitergegebenes manchmal nur aus zweiter oder dritter Hand. So als wenn Glaube, Begegnung mit Gott eben gerade kein stets verfügbarer Fundus ist, kein Möbelstück in meinem inneren Inventar, auf das ich mich einfach so fallen lassen kann.
Wie kann das passieren?
Vielleicht hilft da ja Routine. Ich könnte ja auf Altes zurückgreifen: Klar weiß ich, was Ostern bedeutet. Ich kenne die Geschichten, die klassische und aktuelle theologische Diskussion. Das könnte ich ja noch mal sagen: Dass unser Glaube seinen Grund in der Auferstehung Jesu hat. Schön. Schaden tut’s nicht. Aber es wäre genauso wie ein Diavortrag, der für Außenstehende furchtbar öde sein kann.
Oder wenn ich bete. Ich lege mir Worte zurecht, was ich im Gebet sagen könnte, aber es ist so, als würde ich nicht wirklich mit Gott sprechen. Ich spreche vorgesprochene, aufgeschriebene Worte nach - aber es ist, als würde ich mich selber beim Sprechen vertreten. Was aufsagen.
Wenn wir wirklich Ostern feiern wollen, dann muss hier und jetzt einer reinkommen in die Kirche und so was sagen wie die Maria: „Ich bin Jesus begegnet. Dem Lebendigen.“
Da sitz ich nun und sehe in die Bibel und denke über die Geschichte nach. Und frage mich: Wo finde ich Jesus hier? Nicht den vor zweitausend Jahren. Den lebendigen Christus, heute. Wo steckt der bloß?
Die Bibelgeschichte ist für mich wie eine leere Grabstelle, die nur sagt: „Sieh, da hat er gelegen.“ Und wo finde ich ihn heute? Nicht Meinungen über ihn, was man üblicherweise auf einer Kanzel zum Besten gibt.
Soll ich woanders suchen? Wenn mir die Bibel wie ein Grab erscheint, muss ich vielleicht mal aufstehen und im normalen Leben nach Jesus suchen. Menschen begegnen. Womöglich begegne ich dann Jesus.
Vielleicht merke ich’s nicht mal, dass ich schon wieder x-mal
an ihm vorbeigerannt bin. Der soll sich ja auch gut verkleiden können, immer noch. Als Gärtner, oder als Pizzabote vielleicht. Oder als Bufti oder FSJlerin. Als Küsterin in seiner eigenen Kirche. Als Taxifahrer. Aber ich werde ihn da draußen nicht erkennen. Ich kann ihn da nicht ansprechen. „Jesus, bist du das?“ Die Leute würden mir wahrscheinlich zu Recht einen Vogel zeigen und vermuten, ich wäre nicht mehr ganz dicht.
Wenn ich ihn erkennen will, bin ich schon auf sein Wort angewiesen. Ich bin darauf angewiesen, dass ER mich anspricht. So dass ich weiß: Mich meint er.
Maria begegnet Jesus. Sie redet Jesus nicht nur an, wie man jemanden anredet, den man zuerst nicht erkannt hat: „Mensch, Du bist es! Ich hab dich gar nicht wiedererkannt.“ - Sie spricht – und das ist komisch – sie spricht hebräisch. Denn das ist eben nicht ihre „Muttersprache.“ Das war Aramäisch. Ein verwandter Dialekt. Hebräisch war zur Zeit Jesu schon die Sprache der Heiligen Schrift. Die Sprache, mit der man mit Gott redet. Maria spricht ihn an, als ob sie zu ihm betet. Rabbuni.
Als ob sie mit Gott selber spricht. Und in ihm, dem Vertrauten, den sie kennt, nach dem sie sich sehnt, Gott selber erkennt. Sie merkt’s nur noch nicht. Sie tut etwas, was ihr erst später aufgehen wird.
Wohl erst, als Jesus so von Angesicht zu Angesicht gar nicht mehr bei ihr, nicht mehr bei den anderen Jüngern ist, sondern aufgefahren in den Himmel, wo er dann zur Rechten Gottes sitzt – entrückt und doch auf eine ganz andere Art immer noch nah. Rabbuni. Meister, mein Meister, mein Bruder, mein Herr, mein Gott. Das wird ihr erst klar, als sich Jesus allen, nicht nur ein paar Jüngern, so angesprochen begegnen kann. Auch ihnen. Auch mir.
„Halt mich nicht fest“, antwortet ihr Jesus. „Ich bin nicht einfach wieder da. Als wäre jetzt alles wieder so wie früher. Als hättest du mich wiedergefunden. Dann ginge alles nur wieder von vorne los. Und nichts hätte sich geändert. Es hat sich aber alles geändert, Maria. Ich gehöre an die Seite Gottes.“ Jesus ist nicht mehr der Alte. Alles ist neu.
Rabbuni. Das ist die Sprache des Gebets. Sie schafft allein in diesem Ausspruch schon eine Verbindung. Seit der Auferstehung begegnen Menschen Jesus im Gebet und sind damit zugleich ganz bei Gott.
Ich brauche nur ein Wort zu sagen, das für mich so was bedeutet wie für Maria dieses „Rabbuni“. Ich brauche ihn nur anzusprechen. Ich muss sonst gar nichts sagen. Nichts auswendig Gelerntes, nichts Großes. Nichts ist dabei banal. Mein Meister, mein Bruder, mein Herr, mein Gott. Ich vermag es vielleicht nicht zu spüren, meine Sinne, meine Ohren, Augen, meine Haut vermögen vielleicht keine Veränderung wahrzunehmen. Und trotzdem kann ich jetzt zu Christus beten, das ist möglich seit der Auferstehung. Ganz einfach, in einem Wort: Meister, oder Bruder, oder Herr, oder Gott.
Da habe ich aufgehört zu suchen. Ich habe aufgehört, das Verlorene zu beklagen, Ostern erklären zu wollen, schlau daher reden zu wollen. „Bruder, Herr“, sage ich. „Lebendiger Gott.“ Und da kann ich endlich losgehen, um Ihnen zu sagen: „Ich bin ihm begegnet.“ Oder besser: Er begegnet mir. Er ist bei mir. Auferstanden, bei mir.
Und dafür bedarf es nur eines. Dieses eine. Es ist so ähnlich wie damals als der Pfarrer in der Schule fragt: „ Was müsst ihr tun, damit eure Sünde vergeben werden?“ Und der kleine Georg antwortet: „Sündigen, Herr Lehrer.“ Also: Was muss man tun, damit Christus da ist? Beten, Ansprechen, es tun, mit einem Wort.
Ach übrigens. Noch was. Ich soll ihnen noch was sagen. Jesus hat von uns als von seinen Brüdern gesprochen. Und natürlich von seinen Schwestern. „Meine Brüder und Schwestern“ hat er gesagt.
Wissen Sie, was das heißt? Wenn Jesus wirklich an die Seite Gottes gehört? Dann ist seine Auferstehung zugleich unsere. Dann ist unser Tod schlimmstenfalls ein Kreuz, das uns Jesus noch ähnlicher macht. Aber wir sind ungleich besser dran. Wir wissen nämlich, wie die Sache ausgeht. Wir müssen am Ende nicht verzweifelt rufen: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wir können sagen: „Bis nachher.“ Oder was Frömmeres.
Und der Friede Gottes, der größer ist als unsere Vernunft, bewahre unser Herzen und Sinne in Christus Jesus, unseren Herrn. Amen.