Gottesdienst Predigt 05.05.2019

Predigt zu Johannes 10,11–16.27–30 - Pastor Henning Hinrichs

 

 

 

 

 

Liebe Gemeinde,

in den Kinos läuft in diesen Wochen ein Film, der sich anschickt, der erfolgreichste Film aller Zeiten zu werden. „Avengers: Endgame“. Es geht in ihm darum, wie ein Bösewicht mit einem Fingerschnipsen die Hälfte allen Lebens im Universum ausgelöscht hatte und wie die Helden des Filmes nun diese kosmische Katastrophe wieder rückgängig zu machen versuchen.

Überhaupt, wenn man sich ansieht, welche Filme die Massen in die Kinos ziehen, dann sind es meist Filme, die Katastrophen thematisieren: „Avatar“ - „Titanic“ - „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ - „Avengers: Infinity War“ - „Jurassic World“. Immer geht es um die Auslöschung eines Volkes, einer Besatzung oder gar der ganzen Welt. Und wie Helden dagegen ankämpfen. Und in den meisten Filmen geht es dann auch noch um blaue Wesen, Außerirdische, Raumschiffe oder Dinosaurier, also um Dinge, die so gar nichts mit unserer Realität zu tun haben.

In den Kulturabteilungen der Zeitungen wird seitdem gerätselt, warum das so ist. Geschieht das aus Eskapismus, also ist das eine Flucht vor den eigenen realen Problemen, die man nicht in den Griff bekommt, hinein in eine Fantasiewelt, in der alles so schön in Gut und Böse aufgeteilt ist, verknüpft mit berauschender Optik, und in der am Ende immer das Gute siegt? So wie in den Märchen. Und in der die Helden nach den Kämpfen und Schusswechseln mit sauberem Hemd und gutsitzenden Haaren irgendwie immer durchkommen. Und so muss man sich letztlich keine Sorge machen. Das Gute siegt.

Als ich die Lesung eben gehört habe, stellte sich auch dieses Gefühl ein bei mir: Ich muss mir keine Sorgen machen. Jesus als der gute Hirte, der sich um mich kümmert, ist da. Deshalb haben wir den alttestamentlichen Psalm 23 gesprochen, den Jesus mit seinen Worten aufgreift. Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln... Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Alles gut. Jesus ist dieser gute Hirte.

Aber es ist ja nicht alles gut. Oder es ist noch nicht alles gut. In dem Film „Titanic“ – Platz zwei der erfolgreichsten Filme - wird dieser Psalm von einer Gruppe um einen Priester gebetet, als das Schiff schon fast senkrecht im Wasser steht und der Tod nur noch Minuten entfernt in der Kälte des Wassers wartet. Er wird gebetet im Angesicht des Todes. Es ist nicht gut. Aber deshalb sprechen Menschen ihn. Es ist nicht gut. Deshalb, wie ein großes TROTZDEM: Der Herr ist mein Hirte!

Ist das auch so eine Flucht aus der Realität, während man am Abgrund hängt. Hilft da Beten, kann man da noch Hoffnung haben? Den Abgrund vor Augen, gibt es da noch etwas?

Diese Ernsthaftigkeit, die Anwesenheit des Todes, die durch einen guten Hirten nicht einfach weggenommen wird, ist ja auch in Jesu Worten zu spüren. Auf der einen Seite wird viel von Geborgenheit gesprochen, von Nähe im Kennen des Vaters, des Sohnes und der Gemeinde. Diese drei Akteure werden wie in einem Teppich des Kennens verwoben: Vater, Sohn, Gemeinde. Aber daneben steht immer wieder der Satz: Ich lasse mein Leben. Ich werde sterben!

Das stand so nicht im 23. Psalm. Da ist der Hirte der, der souverän, wie man das auch von romantischen Heidebildern kennt, wacht, wie ein Fels. Wo der Hirte ist, da hat man alles zum Leben, was man so braucht: genügend zum Essen, Hilfe im Unglück, Schutz vor den Feinden. Jesus ist ein anderer Hirte. Auch er gibt Geborgenheit, aber der Tod ist nicht mehr etwas von außen, Jesus nimmt den Tod hinein in sein Leben als Hirte, anscheinend braucht es diesen einen Tod, seien Tod, um seiner Herde mehr als Brot, Schutz und Hilfe im Leben zu garantieren. Er sagt ja nicht nur: Ich werde sterben. Er sagt: Ich lasse mein Leben für euch und ich gebe euch das ewige Leben, und Ihr werdet nimmermehr umkommen, und niemand wird Euch aus meiner Hand reißen.

Wer diesen Worten glaubt, an Christus als diesen Hirten glaubt, wer den 23. Psalm in diesem Sinne betet, und mag es am Abgrund sein, der flieht eigentlich nicht aus der Realität. Er schaut in den Abgrund. So wie Jesus in den Abgrund schaut: Ich werde sterben! Aber er glaubt eben nicht nur der Realität, nicht nur dem Abgrund, er lebt davon, dass hier am Abgrund nicht das Ende ist. In diesem „für Euch“ steckt eine Perspektive, ein Sinn. Dieser Tod bewirkt etwas. Und wenn man das glauben kann: Ich lasse mein Leben für euch und ich gebe euch das ewige Leben - dann bleibt Hoffnung möglich.

Beeindruckt am aktuellen Blockbuster „Endgame“ hat mich, wie der Film doch um Themen kreist, die jeder Mensch irgendwann kennen lernt. Es geht neben Weltenrettung, Bombast und Menschen in seltsamen Anzügen nämlich um Abschiede und den Tod, der eben nicht einfach so rückgängig zu machen ist, darum, wie man mit dem eigenen Versagen umgeht und unter welchen Bedingungen man doch wieder Gutes erleben, vielleicht sogar auch selbst verwirklichen kann.

Das ist ja nicht selbstverständlich. Nach einem Tiefschlag legt sich ja erst einmal Dunkelheit über mich. Vielleicht sogar das Gefühl, dass all mein Einsatz, all mein Wollen vielleicht doch einfach nur vergeblich waren. Man hat alles gegeben, und selbst das war nicht genug, nicht genug, um den Bösewicht aufzuhalten, nicht genug, um den geliebten Menschen am Leben zu erhalten, nicht genug, um glücklich sein zu können. Einfach nicht genug.

Im Film werden wie in einer Zukunftsvision alle Möglichkeiten des Kampfes mit dem Bösewicht durchgespielt. Es sind 14.000.605 mögliche Ausgänge, aber nur eine Möglichkeit, nur eine von diesen 14.000.605 endet mit dem Sieg der Helden. Nur eine Möglichkeit. Wenn ich erkennen könnte, sehen, hören könnte, welche diese eine Möglichkeit ist, die durch den Abgrund, das finstere Tal führen könnte, die mein Leben wieder zum Glück führen würde, dann wäre Hoffnung: Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Jesus spricht über sich als diese eine Möglichkeit zu bestehen, alles zu bestehen, auch die Abschiede, auch das eigene Unvermögen. Nur eine Möglichkeit. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. …Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins.

Es geht darum, diese eine Möglichkeit zu ergreifen, zu vertrauen und darauf hinzuwirken, dass sie sich ereignet in mir: Glaube, Liebe, Hoffnung, Leben. Aber es kostet etwas. Man kommt nicht einfach so raus aus den Tälern, die Helden besiegen den Feind nicht einfach so, mit sauberem Hemd und gutsitzenden Haaren. Verletzungen lassen sich nicht einfach ungeschehen machen.

Im Film nehmen einige der Helden den Abgrund auf sich, den Tod, sie opfern sich, so als würde sie wie Jesus sagen: Ich lasse mein Leben für euch und ich ermögliche euch so Leben. Es gibt keine Alternativen mehr, das ist die eine Möglichkeit. Es kostet sie etwas.

Dieses Opfer ist aber kein Aufruf an alle, sich selbst zu opfern, sein Leben hinzuwerfen für eine Ideologie, einen Staat, für Mächte und Kräfte, die mein Opfer verlangen. Denn die meisten Opfer sind sinnlos, sie bewirken nichts oder nur Leid und Schmerz.

Jesu Weg in den Tod ist anders, weil er einmalig ist, nur er kann den Tod überwinden, nur er ist dieser Hirte, in dem Gott so viel Macht hat, dass der Tod, der Abgrund nicht das Ende ist. Oder wie es einer der Helden früher sagte: Es gibt nur einen Gott, und ich bin sicher, der trägt keine komischen Anzüge.

Es gibt nur einen Gott. Es gibt Gott. Das ist eigentlich mein Opfer. Zu akzeptieren, dass Gott ist, und dass meine Fähigkeiten begrenzt sind, dass ich Hilfe brauche und Gott diese Hilfe ist. Der HERR ist mein Hirte. Das ist Glaube. Vertrauen. Glaube, Vertrauen kosten etwas. Sie kosten meine Illusion, mein Leben ganz in der Hand zu haben.

Das merken selbst die Helden aus dem Film, diese Superhelden. Es gibt Dinge, die sie nicht in der Hand haben. Ihr Heldentum liegt neben ihren unbestreitbaren Fähigkeiten hier allein darin, diese eine Möglichkeit zu ergreifen, sie zu akzeptieren und das zu geben, was immer nötig ist.

Die Frage Gottes ist: Vertraust du mir?

Und der Friede Gottes…. Amen.

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